Auszug aus OZ vom 23.April 2012 Beitrag von Günther Manthei

„Komm wieder, Werner!"
Zentrum für Friedensarbeit lud zum Tag des Nachdenkens im früheren Anklamer Wehrmachtsgefängnis ein.

Wenige Wochen vor der Saisoneröffnung führte das Zentrum für Friedensarbeit die Veranstaltungsreihe „Anklamer Friedenstage" fort. Bevor der 1965 in der DDR gedrehte Film „Die Abenteuer des Werner Holt" gezeigt wurde, besuchte jeder den neuen Ausstellungsraum, eine ehemalige Massenzelle für 20 gefangene. Schautafeln erinnern an Fälle der NS-Militärjustiz
.

Im Anschluss an die Filmvorführung erzählte der Ehrengast der Veranstaltung, Ludwig Baumann, selbst einer der letzten Wehrdienstverweigerer des 2. Weltkrieges, über sein Leben. Die NS-Militärjustiz verurteilte 30 000 Deserteure, Verweigerer und „Kriegsverräter" zum Tode und richtete etwa 20 000 hin. „Viele Täter wurden später Bundesrichter und keiner hat sich verantworten müssen", gab Baumann zu bedenken. Der einstige Marine- Gefreite Baumann desertierte als 21-Jähriger in Bordeaux und erhielt dafür die Todesstrafe. Das Urteil wurde sieben Monate später in eine zwölfjährige Zuchthausstrafe umgewandelt. Nach zehn Monaten in der Todszelle folgten KZ Esterwegen, Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna Torgau sowie das Himmelfahrtskommando Ostfront. Als Wehrmachtsdeserteur wurde Baumann nach 1945 stigmatisiert und erhielt im Zivilleben keine angemessene Arbeit, dafür Prügel und Morddrohungen. 1990 gründete er mit 37 Mitstreitern den Bundesverband der Opfer der NS Militärjustiz. Erst im Mai 2002 beschloss der Bundestag die pauschale Rehabilitierung aller Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und Wehrkraftzersetzer. Diesen Tag hätten nur noch wenige Betroffene erlebt, sagte Baumann.

Nordkurier vom 24.April 2012

Wie der letzte Deserteur Hitlers Todesrache entkam
Von unserem Redaktionsmitglied
Torsten Heil


Er ist der letzte, der diese Geschichte noch erzählen kann: von der Flucht aus Hitlers mordender Wehrmacht, dem Todesurteil für den „Vaterlandsverräter", dem grausamen Warten auf den Henker. Ludwig Baumann, einer von 30 000 mutigen Männern, die den Wahnsinn dese Krieges nicht mitmachen wollten. Er ist heute 90 Jahre alt und der letzte Überlebende dieser vergessenen Helden.

Anklam. Die Zuhörer im Anklamer Friedenszentrum lauschen gebannt. Ludwig Baumann hat eine leise Stimme, aber jedes seiner Worte geht unter die haut. Sie kommen aus dem Gerichtssaal, in dem ein tobender Staatsanwalt seinen Tod forderte. Sie kommen aus dem Zuchthaus, wo er auf den Henker wartete. Die Erinnerungen dieses Mannes lassen Orte und Szenen lebendig werden, die sich ein normaler Mensch nicht mehr vorstellen kann. Baumann hat das alles gesehen, alles selbst erlebt, und jetzt, mit seinen 90 Jahren, will er nur noch eines: Zeugnis ablegen, die Erinnerung wach halten. Und wirklich: Wer ihn gehört hat, wird es nie wieder vergessen.
Das Grauen im Zeitraffer, es beginnt 1942: Baumann ist blutjunger Marinesoldat, aber schon alt genug, um zu wissen, dass er bei diesem Morden nicht mitmachen will, nicht mitmachen kann. Mit einem Freund will er nach Amerika fliehen, wenige Stunden später wird er geschnappt. Der Prozess dauert 40 Minuten, das Urteil besteht aus einem Wort: Todesstrafe! Sein Vater, ein Tabakgroßhändler mit Einfluss und Geld, rettet ihn vor der Hinrichtung, erwirkt eine Begnadigung: Zwölf Jahre Zuchthaus. Aber Baumann erfährt nichts davon, jeden Morgen, wenn die Wärter kommen, denkt er, dass man ihn zum Henker führt. Neun Monate schmort Baumann in der Todeszelle, dann teilen sie ihm den Gnadenentscheid mit. Es folgen das KZ Esterwegen, das Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna-Torgau, dann schickt man ihn zum Sterben in die Todesmühle der Ostfront. Er überlebt auch dieses Grauen.
30 000 „Deserteure", „Verweigerer" und „Kriegsverräter" wurden wie er zum Tod verurteilt, bei 20 000 wurde das Urteil vollstreckt. Viele starben dann noch bei Sinnlos-Einsätzen im Osten. Und jetzt, 2012, ist der gebürtige Hamburger der Letzte. Sein Martyrium war aber nach dem Krieg nicht vorbei. Noch viele Jahre wurde er beschimpft, als Verräter, als Feigling. Er zerbrach daran, die Flasche war sein bester Freund, er vertrank das Erbe seines Vaters. Dann starb bei der Geburt des sechsten Kindes auch noch seine Frau.
Baumann ist kurz davor, sich völlig aufzugeben. Doch dann kämpft er. Gegen den Feiglings-Stempel. Für die Rehabilitation seiner 30 000 Leidensgenossen. Er gründet 1990 den Bundesverband der Opfer der NS-Militärjustiz, nach über zehn Jahren erfahren er und die anderen Opfer endlich Gerechtigkeit. Kein Triumph für Baumann. Sondern Verpflichtung, weiter gegen das Vergessen zu kämpfen, auch jetzt noch, mit 90 Jahren, auch hier in Anklam, obwohl es für den alten Mann von Bremen eine anstrengende Reise war. Aber die Arbeit des Friedenszentrums um Stephan Tanneberger hat Baumann imponiert. Er will das, was in Anklam für den Frieden und gegen den Wahnsinn des Krieges gemacht wird, unterstützen. Und das tut er, wie nur er es noch kann. Denn: Er ist der Letzte.